Gastkommentare

Nicht nur die Nullzinsen belasten ältere Menschen

Erschienen am 19. März 2022 in der Presse. https://www.diepresse.com/6113840/nicht-nur-die-nullzinsen-belasten-aeltere-menschen

Während die amerikanische FED die Zinswende einleitet, um der grassierenden Inflation Herr zu werden, hält die Europäische Zentralbank weiterhin an ihrer Nullzinspolitik fest. Das ist im Angesicht von Krieg und Pandemie nachvollziehbar, für ältere Menschen aus finanzieller Sicht jedoch alles andere als unbedeutend.

Die aktuelle Situation belastet Seniorinnen und Senioren dreifach. Erstens können sie aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen dabei zusehen, wie ihre Geldreserven auf dem Sparbuch täglich schrumpfen. Spareinlagen haben in den vergangenen zehn Jahren durch Teuerung und Zinssenkungen rund 20 Prozent an Kaufkraft verloren – Tendenz gemeinsam mit der Inflation steigend.

Zweitens setzt die steigende Teuerung älteren Menschen stärker als anderen Bevölkerungsgruppen zu. Besonders Menschen mit niedrigen Pensionen brauchen den Großteil ihres Einkommens für Heizen, Grundnahrungsmittel und Wohnen auf – gerade dort steigen die Preise am stärksten.

Drittens werden ältere Menschen systematisch bei Bankgeschäften diskriminiert – und das nicht erst seit Finanzkrise und Pandemie. Trotz vorhandener Sicherheiten vergeben viele Institute ab einem bestimmten Alter keine Kredite mehr oder nur zu untragbaren Konditionen. Dank Nullzinsen günstig Geld leihen und investieren? Nicht für Seniorinnen und Senioren.

Notwendige Investitionen, etwa Reparaturarbeiten oder der Einbau eines Treppenlifts, werden so schier unmöglich. Der Selbstständigkeit im Alter legen Banken auf diese Art schwere Steine in den Weg.

Den Beteuerungen der Institute, es handle sich um Einzelfälle, stehen hunderte Meldungen bei den Antidiskriminierungsstellen gegenüber. Auch mich erreichen zahllose Schilderungen von bei Pensionsantritt nicht mehr verlängerten Kreditkarten und gestrichenen Kontorahmen. Einer 82-Jährigen Seniorin wurde ein Überziehungsrahmen in Höhe von 200 Euro nicht gewährt. Die Begründung, Sie könne ja bald starben. Was die Banken Risikoabwägung nennen, bezeichne ich als das, was es wirklich ist: Altersdiskriminierung!

Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine lassen die Aussicht auf ein baldiges Ende der Nullzinsen in weite Ferne rücken. Wo die EZB zu langsam agiert, müssen die Banken einschreiten, die ältere Menschen gern als „hoch geschätzte“ Kundschaft bezeichnen. Kein Wunder, immerhin haben deren Spareinlagen über Jahrzehnte hinweg die Tresore der Banken gut gefüllt. Darum fordere ich die Institute jetzt zum Handeln auf!

Im Klartext bedeutet das: Altersdiskriminierung einen Riegel vorschieben! Wer ausreichende Sicherheiten vorweisen kann, muss auch Kredit, Bankkarte oder Überziehungsrahmen erhalten und zwar unabhängig vom Geburtsdatum. So bekommen ältere Menschen beides: Die Vorteile niedriger Zinsen und Gerechtigkeit. Außerdem muss es im Interesse der Institute liegen, ihre ältere Kundschaft mit ehrlicher und geduldiger Beratung an risikoarme Alternativen zum Sparbuch heranführen. Vorbilder gibt es genug: In den Niederlanden betreiben beispielsweise viele Banken mit eigens ausgebildeten Coaches erfolgreich finanzielle Aufklärungsarbeit bei Seniorinnen und Senioren.

Auf lange Sicht ist auch die Politik gefordert: Neben einem gesetzlichen Diskriminierungsschutz bei Bankgeschäften müssen wir viel mehr Energie in die Finanzbildung junger Menschen stecken. Damit das finanzielle Know-How der Seniorinnen und Senioren von morgen breiter ist als Sparbuch und Bausparvertrag. Das macht die Menschen unabhängiger, flexibler und ihr Erspartes krisensicherer.

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