Gastkommentare

Der Elefant im Raum*: Wieso wir auf die Alten nicht verzichten können.

Erschienen am 15. Oktober 2022 im Kurier.

*So bezeichnete Martina Salomon im Leitartikel vom 8. Oktober das Alter bzw. die Gruppe der über 60-Jährigen.

Und dieser Elefant wird immer größer. Nimmt er aktuell 20% der Fläche ein, werden es 2030 bereits über 23%. Ihn zu ignorieren wird immer schwieriger, für die Gesellschaft in toto und für die Wirtschaft im speziellen.

Den Unternehmen gehen die Fachkräfte aus. Der demographische Wandel stellt mittlerweile ein wachsendes Problem dar. Nicht weil die Alten so viel kosten, wie gern und unrichtig kommuniziert wird, sondern wegen des Braindrains. Die Alten gehen, mit ihnen Wissen und Erfahrung. Den nachrückenden Jungen, sofern überhaupt vorhanden, fehlt – wenig überraschend – noch die Expertise, was die Unternehmen unter Druck bringt. Nicht umsonst bietet die WKO mittlerweile einen Demographiecheck für Unternehmen. Damit rechtzeitig gegengesteuert werden kann. Die Frage lautet wie?

Durch Arbeitskräfte aus dem Ausland. Hier steht Österreich in direkter Konkurrenz mit fast allen anderen europäischen Staaten.

Oder durch die Alten. Sie zumindest Teilzeit im Arbeitsleben zu halten, ist das Gebot der Stunde. Schlecht sieht es damit sicher in Branchen mit schwerer körperlicher Arbeit aus. Obwohl sich auch hier durch arbeitsmedizinische Begleitung während des Arbeitslebens einiges erreichen lässt. Produktivität und Wachstum basieren in Österreich jedoch bereits jetzt überwiegend auf geistiger, immaterieller Wertschöpfung. Hier treibt nicht der körperliche Verschleiß die Menschen in den Rückzug aus dem Beruf. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Das beginnt bei den sinnlosen Pensionsbeiträgen, die auch berufstätige PensionistInnen einzahlen müssen. Das Weiterarbeiten lohnt sich finanziell damit kaum. Zudem passen die überwiegend praktizierten Arbeitsmodelle und die Lebenswelt der älteren Menschen nicht zusammen. Ihnen liegen Vorstellungen von nine-to-five Jobs und veralteter Erwerbsbiografien der ehemaligen Industriegesellschaft zu Grunde. Die jüngeren Generationen konfrontieren ArbeitgeberInnen bereits mit ihren veränderten Konzepten von Arbeit – Teilzeit, Flexibilität, Bürogestaltung, Lebensqualität.

Um die Älteren „zu halten“ braucht es eine alter(n)sgerechte Arbeitswelt. Die Forderungen ähneln jenen der Jungen, die konkrete Ausgestaltung muss dann altersentsprechend erfolgen.

Um Missverständnisse zu vermeiden: ich spreche hier nicht von einer Zwangsverpflichtung im Beruf zu bleiben – also von der Anhebung des Pensionsalters. Doch wer Freude an der Arbeit hat oder den Zuverdienst brauchen kann, denen sollten entsprechende Angebote gemacht werden.

Knapp 80.000 Menschen arbeiten aktuell in der Pension weiter. 40% der 1,75 Mio SeniorInnen langweilen sich. Diese 700.000 potentiellen Arbeitskräfte zu mobilisieren scheint das Gebot der Stunde.

Altersarmut bei Frauen: „Selber schuld“ greift zu kurz

Erschienen am 8. August 2022 in der Presse. https://www.diepresse.com/6175644/altersarmut-bei-frauen-bdquoselber-schuldldquo-greift-zu-kurz

Rosemarie Schwaiger verfasste für quergeschrieben am 8. August ein flammendes Plädoyer, dass der Sozialstaat seinen Verpflichtungen nachkommt. Dass sie seine Leistungen der letzten Monate und Wochen anerkennt, freut mich sehr. Und trotzdem muss ich ihr widersprechen.

Sie nahm nämlich den Equal Pension Day am 3. August als Anlass dafür und meinte, gerade bei den Pensionen unternähme der Sozialstaat viel zu viel.

In einigen Punkten ihrer Argumentation hat sie durchaus Recht. Das aktuelle Problem zu niedriger Frauenpensionen wurzelt in der gesellschaftlichen Struktur der 1950-70er Jahre und der damit verbundenen niedrigen Frauenerwerbsquote. Die meisten Frauen hätten auch einfach zu wenige Versicherungszeiten. Stimmt alles, löst aber nicht das Problem, dass aktuell einer ganzen Generation Frauen Altersarmut droht. „Selber schuld“ greift zu kurz und bezahlt keine Rechnungen. Soll der Sozialstaat hier wirklich ein Exempel statuieren und nicht eingreifen? Außerdem weiß jeder Ökonom, dass die Verarmung größerer Teile der Bevölkerung enorme Folgekosten im Sozial- und Gesundheitsbereich nach sich zieht.

Bei der Diskussion sollte man auch nicht außer Acht lassen, dass gerade Frauen über 60 besonders häufig in sogenannten traditionellen Frauenberufen arbeiteten, die ebenso traditionell schlecht bezahlt waren. Betreuung von älteren Verwandten und Kindern galt ja überhaupt als unbezahltes Ehrenamt.

Es erscheint mir zu billig, die Verantwortung dafür den Frauen aufzubürden. Um Altersarmut kurz- und mittelfristig entgegen zu wirken, bedarf es einer wirksamen Sozialpolitik.

Anders sieht es für die Zukunft aus. Hier kann dem Pensionsgap gegengesteuert werden ohne den Sozialstaat zu beanspruchen. Da bin ich wieder ganz bei Rosemarie Schwaiger. Pensionssplitting allein wird Altersarmut bei Frauen nicht verhindern. Raus aus der Teilzeit und dem Niedriglohnsektor muss die Devise heißen. Was sie damit riskieren, ist jungen Frauen noch immer viel zu wenig bewusst. Bereits zweijährige Arbeit in Teilzeit verringert die Pension um ca. 2,1%. Trotzdem stieg die die Teilzeitquote in den letzten 25 Jahren bei Frauen von 26% auf 48%. Es handelt sich um den dritthöchsten Wert in der EU. In der Slowakei und in Estland, wo sowohl als Einkommens- als auch der Pensions-Gender Pay Gap am geringsten ist, liegt die Teilzeitquote hingegen nur bei 8 bzw. 13%. Folgendes Rechenbeispiel führt die Folgen der Teilzeit deutlich vor Augen: Arbeitsphase 45 Jahre, minus 10 Jahre Erwerbslücke durch Kinderbetreuung oder Pflege, minus 25 Jahre Niedriglohn/Teilzeit = Reduktion des Lebenseinkommens um 56%. Das muss bei den Frauen endlich ankommen.

Damit ist es aber nicht getan. Frauen, die Vollzeit arbeiten, brauchen für ihre Kinder qualitativ hochwertige Kindergartenplätze und ausgezeichnete Nachmittagsbetreuung und müssen bei der Betreuungsarbeit der älteren Familienmitglieder entlastet werden. Hier sind Länder und Gemeinden gefragt ein flächendeckendes und leistbares Angebot an Kindergärten, Nachmittagsbetreuung aber auch an mobilen Pflegediensten zu stellen. Sie brauchen ein entsprechendes Arbeitsumfeld. Hier sind die Unternehmen am Zug. Arbeitszeiten, die sich mit den Bedürfnissen der Kinder vereinbaren lassen, Homeoffice oder Kinderbetreuung (auch für Größere) in den Betrieben. Und schließlich noch: adäquate Bezahlung in den klassischen Frauenberufen – Corona lehrte uns, dass genau diese Arbeit unser System in vielen Bereichen am Laufen hält und daher ihren monetären Wert haben muss.

Und dann, Frau Schwaiger, schaffen wir bitte den Equal Pension Day ab.

Alt ist nicht immer gleich krank

Erschienen am 24. Juni 2022 in der Presse. https://www.diepresse.com/6156613/alt-ist-nicht-immer-gleich-krank

Pflegereform. Wir sollten die historische Chance für einen Paradigmenwechsel nutzen. Dänemark ist uns Vorbild und Warnung.

Nach mehr als 15 Jahren und acht SozialministerInnen ist mit dem kürzlich präsentierten ersten Teil der Pflegereform endlich Bewegung in den Reformprozess gekommen. Die ersten Gesetzesentwürfe dazu wurden bereits in Begutachtung geschickt und trotz allfälliger Kritik wird deutlich, dass es der Regierung ernst ist.

Das ist zu begrüßen, der neu gefundene Reformeifer darf aber nicht dazu führen, dass wir die historische Chance verpassen, in Österreich auf mehreren Ebenen einen Paradigmenwechsel in der Pflege einzuschlagen.

Dazu müssen wir uns von der Fehlannahme verabschieden, dass „alt“ automatisch auch „krank“ bedeutet. Der Anspruch der Seniorinnen und Senioren ist, ihre zwanzig gewonnenen Jahre gesund und selbstständig zu erleben. Der Schlüssel für erfolgreiches Altern ist gezielte Vorsorge, anstatt die Menschen wie bisher ins Bett zu pflegen.

Die Situation im Dänemark der 1980er Jahre hat gezeigt, wo uns der bisherige Weg hinführen kann: Acht von zehn betreuungsbedürftigen Menschen lebten in Heimen, es fehlte an Personal und Geld. Nur eine radikale Systemumstellung hat den Kollaps abgewendet. Seitdem wird in Dänemark „mit der Hand in der Hosentasche“ gepflegt. Die Selbstständigkeit der Menschen wird durch bedarfsorientierte und vor allem rechtzeitige Unterstützung so lange wie möglich erhalten, Sachleistungen dominieren vor Geldleistungen.

Die Rechnung ging auf: Nicht nur sind rechtzeitige Therapieangebote, Putzhilfe, Fahrtendienste oder Freizeitbegleitung günstiger als ein Pflegebett. Auch die Digitalisierung bietet Potenzial für Unterstützung: Ein sich selbst ausschaltender Herd oder Lampen mit Bewegungssensoren können älteren Menschen den Alltag erleichtern.

Das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ hat in Dänemark einen Wandel bei der Gesundheit der älteren Generation ausgelöst. Heute sind nur noch acht Prozent der Über-65-Jährigen stark pflegebedürftig. Zum Vergleich: In Österreich beträgt dieser Anteil immer noch 22 Prozent – und das, obwohl (kaufkraftbereinigt) in beiden Ländern mit etwa 4000 Euro pro Kopf gleich viel für Gesundheit und Pflege ausgegeben wird. Das „dänische Modell“ dient uns also als Vorbild und Warnung zugleich.

Wir müssen nicht nur ändern, wie wir Pflege gestalten, sondern auch, wie wir darüber sprechen. Schlagzeilen wie „Was kosten uns die Alten?“ oder „Die Pflege wird unfinanzierbar“, zeigen, dass der politische Diskurs und die mediale Berichterstattung von einseitigen Betrachtungen geprägt sind, die dringend geändert werden müssen.

Wer die angeblich unfinanzierbaren Kosten der Pflege bemängelt, sollte nicht verschweigen, dass sich jeder in die Pflege investierte Euro 1,7-fach rentiert. Und wer davor warnt, dass bis 2030 100.000 Pflegekräfte fehlen und der Pflegeberuf – berechtigterweise – aufgewertet werden muss, sollte auch ins Feld führen, dass sich daraus großes Potenzial auf dem Arbeitsmarkt für Ein- und Umsteiger aus verschiedenen Sozialberufen ergibt.

Begreifen wir Pflege als einen zukunftsträchtigen Wirtschaftsfaktor und ein Thema, das alle Generationen betrifft. Die einseitige Betrachtung als finanzielle Bürde, welche „die Alten“ der Gesellschaft aufhalsen, widerspricht nicht nur den Fakten, sondern ist auch – bewusste oder unbewusste – Altersdiskriminierung. Das Perfide daran: Diese Art der Diskriminierung trifft uns alle früher oder später. Denn auch jene, die jetzt Stimmung gegen die Seniorinnen und Senioren machen, werden – hoffentlich – einmal zu „den Alten“ gehören und wollen gut versorgt und unterstützt werden.

Nicht nur die Nullzinsen belasten ältere Menschen

Erschienen am 19. März 2022 in der Presse. https://www.diepresse.com/6113840/nicht-nur-die-nullzinsen-belasten-aeltere-menschen

Während die amerikanische FED die Zinswende einleitet, um der grassierenden Inflation Herr zu werden, hält die Europäische Zentralbank weiterhin an ihrer Nullzinspolitik fest. Das ist im Angesicht von Krieg und Pandemie nachvollziehbar, für ältere Menschen aus finanzieller Sicht jedoch alles andere als unbedeutend.

Die aktuelle Situation belastet Seniorinnen und Senioren dreifach. Erstens können sie aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen dabei zusehen, wie ihre Geldreserven auf dem Sparbuch täglich schrumpfen. Spareinlagen haben in den vergangenen zehn Jahren durch Teuerung und Zinssenkungen rund 20 Prozent an Kaufkraft verloren – Tendenz gemeinsam mit der Inflation steigend.

Zweitens setzt die steigende Teuerung älteren Menschen stärker als anderen Bevölkerungsgruppen zu. Besonders Menschen mit niedrigen Pensionen brauchen den Großteil ihres Einkommens für Heizen, Grundnahrungsmittel und Wohnen auf – gerade dort steigen die Preise am stärksten.

Drittens werden ältere Menschen systematisch bei Bankgeschäften diskriminiert – und das nicht erst seit Finanzkrise und Pandemie. Trotz vorhandener Sicherheiten vergeben viele Institute ab einem bestimmten Alter keine Kredite mehr oder nur zu untragbaren Konditionen. Dank Nullzinsen günstig Geld leihen und investieren? Nicht für Seniorinnen und Senioren.

Notwendige Investitionen, etwa Reparaturarbeiten oder der Einbau eines Treppenlifts, werden so schier unmöglich. Der Selbstständigkeit im Alter legen Banken auf diese Art schwere Steine in den Weg.

Den Beteuerungen der Institute, es handle sich um Einzelfälle, stehen hunderte Meldungen bei den Antidiskriminierungsstellen gegenüber. Auch mich erreichen zahllose Schilderungen von bei Pensionsantritt nicht mehr verlängerten Kreditkarten und gestrichenen Kontorahmen. Einer 82-Jährigen Seniorin wurde ein Überziehungsrahmen in Höhe von 200 Euro nicht gewährt. Die Begründung, Sie könne ja bald starben. Was die Banken Risikoabwägung nennen, bezeichne ich als das, was es wirklich ist: Altersdiskriminierung!

Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine lassen die Aussicht auf ein baldiges Ende der Nullzinsen in weite Ferne rücken. Wo die EZB zu langsam agiert, müssen die Banken einschreiten, die ältere Menschen gern als „hoch geschätzte“ Kundschaft bezeichnen. Kein Wunder, immerhin haben deren Spareinlagen über Jahrzehnte hinweg die Tresore der Banken gut gefüllt. Darum fordere ich die Institute jetzt zum Handeln auf!

Im Klartext bedeutet das: Altersdiskriminierung einen Riegel vorschieben! Wer ausreichende Sicherheiten vorweisen kann, muss auch Kredit, Bankkarte oder Überziehungsrahmen erhalten und zwar unabhängig vom Geburtsdatum. So bekommen ältere Menschen beides: Die Vorteile niedriger Zinsen und Gerechtigkeit. Außerdem muss es im Interesse der Institute liegen, ihre ältere Kundschaft mit ehrlicher und geduldiger Beratung an risikoarme Alternativen zum Sparbuch heranführen. Vorbilder gibt es genug: In den Niederlanden betreiben beispielsweise viele Banken mit eigens ausgebildeten Coaches erfolgreich finanzielle Aufklärungsarbeit bei Seniorinnen und Senioren.

Auf lange Sicht ist auch die Politik gefordert: Neben einem gesetzlichen Diskriminierungsschutz bei Bankgeschäften müssen wir viel mehr Energie in die Finanzbildung junger Menschen stecken. Damit das finanzielle Know-How der Seniorinnen und Senioren von morgen breiter ist als Sparbuch und Bausparvertrag. Das macht die Menschen unabhängiger, flexibler und ihr Erspartes krisensicherer.

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