Gastkommentare

Alt ist nicht immer gleich krank

Erschienen am 24. Juni 2022 in der Presse. https://www.diepresse.com/6156613/alt-ist-nicht-immer-gleich-krank

Pflegereform. Wir sollten die historische Chance für einen Paradigmenwechsel nutzen. Dänemark ist uns Vorbild und Warnung.

Nach mehr als 15 Jahren und acht SozialministerInnen ist mit dem kürzlich präsentierten ersten Teil der Pflegereform endlich Bewegung in den Reformprozess gekommen. Die ersten Gesetzesentwürfe dazu wurden bereits in Begutachtung geschickt und trotz allfälliger Kritik wird deutlich, dass es der Regierung ernst ist.

Das ist zu begrüßen, der neu gefundene Reformeifer darf aber nicht dazu führen, dass wir die historische Chance verpassen, in Österreich auf mehreren Ebenen einen Paradigmenwechsel in der Pflege einzuschlagen.

Dazu müssen wir uns von der Fehlannahme verabschieden, dass „alt“ automatisch auch „krank“ bedeutet. Der Anspruch der Seniorinnen und Senioren ist, ihre zwanzig gewonnenen Jahre gesund und selbstständig zu erleben. Der Schlüssel für erfolgreiches Altern ist gezielte Vorsorge, anstatt die Menschen wie bisher ins Bett zu pflegen.

Die Situation im Dänemark der 1980er Jahre hat gezeigt, wo uns der bisherige Weg hinführen kann: Acht von zehn betreuungsbedürftigen Menschen lebten in Heimen, es fehlte an Personal und Geld. Nur eine radikale Systemumstellung hat den Kollaps abgewendet. Seitdem wird in Dänemark „mit der Hand in der Hosentasche“ gepflegt. Die Selbstständigkeit der Menschen wird durch bedarfsorientierte und vor allem rechtzeitige Unterstützung so lange wie möglich erhalten, Sachleistungen dominieren vor Geldleistungen.

Die Rechnung ging auf: Nicht nur sind rechtzeitige Therapieangebote, Putzhilfe, Fahrtendienste oder Freizeitbegleitung günstiger als ein Pflegebett. Auch die Digitalisierung bietet Potenzial für Unterstützung: Ein sich selbst ausschaltender Herd oder Lampen mit Bewegungssensoren können älteren Menschen den Alltag erleichtern.

Das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ hat in Dänemark einen Wandel bei der Gesundheit der älteren Generation ausgelöst. Heute sind nur noch acht Prozent der Über-65-Jährigen stark pflegebedürftig. Zum Vergleich: In Österreich beträgt dieser Anteil immer noch 22 Prozent – und das, obwohl (kaufkraftbereinigt) in beiden Ländern mit etwa 4000 Euro pro Kopf gleich viel für Gesundheit und Pflege ausgegeben wird. Das „dänische Modell“ dient uns also als Vorbild und Warnung zugleich.

Wir müssen nicht nur ändern, wie wir Pflege gestalten, sondern auch, wie wir darüber sprechen. Schlagzeilen wie „Was kosten uns die Alten?“ oder „Die Pflege wird unfinanzierbar“, zeigen, dass der politische Diskurs und die mediale Berichterstattung von einseitigen Betrachtungen geprägt sind, die dringend geändert werden müssen.

Wer die angeblich unfinanzierbaren Kosten der Pflege bemängelt, sollte nicht verschweigen, dass sich jeder in die Pflege investierte Euro 1,7-fach rentiert. Und wer davor warnt, dass bis 2030 100.000 Pflegekräfte fehlen und der Pflegeberuf – berechtigterweise – aufgewertet werden muss, sollte auch ins Feld führen, dass sich daraus großes Potenzial auf dem Arbeitsmarkt für Ein- und Umsteiger aus verschiedenen Sozialberufen ergibt.

Begreifen wir Pflege als einen zukunftsträchtigen Wirtschaftsfaktor und ein Thema, das alle Generationen betrifft. Die einseitige Betrachtung als finanzielle Bürde, welche „die Alten“ der Gesellschaft aufhalsen, widerspricht nicht nur den Fakten, sondern ist auch – bewusste oder unbewusste – Altersdiskriminierung. Das Perfide daran: Diese Art der Diskriminierung trifft uns alle früher oder später. Denn auch jene, die jetzt Stimmung gegen die Seniorinnen und Senioren machen, werden – hoffentlich – einmal zu „den Alten“ gehören und wollen gut versorgt und unterstützt werden.

Nicht nur die Nullzinsen belasten ältere Menschen

Erschienen am 19. März 2022 in der Presse. https://www.diepresse.com/6113840/nicht-nur-die-nullzinsen-belasten-aeltere-menschen

Während die amerikanische FED die Zinswende einleitet, um der grassierenden Inflation Herr zu werden, hält die Europäische Zentralbank weiterhin an ihrer Nullzinspolitik fest. Das ist im Angesicht von Krieg und Pandemie nachvollziehbar, für ältere Menschen aus finanzieller Sicht jedoch alles andere als unbedeutend.

Die aktuelle Situation belastet Seniorinnen und Senioren dreifach. Erstens können sie aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen dabei zusehen, wie ihre Geldreserven auf dem Sparbuch täglich schrumpfen. Spareinlagen haben in den vergangenen zehn Jahren durch Teuerung und Zinssenkungen rund 20 Prozent an Kaufkraft verloren – Tendenz gemeinsam mit der Inflation steigend.

Zweitens setzt die steigende Teuerung älteren Menschen stärker als anderen Bevölkerungsgruppen zu. Besonders Menschen mit niedrigen Pensionen brauchen den Großteil ihres Einkommens für Heizen, Grundnahrungsmittel und Wohnen auf – gerade dort steigen die Preise am stärksten.

Drittens werden ältere Menschen systematisch bei Bankgeschäften diskriminiert – und das nicht erst seit Finanzkrise und Pandemie. Trotz vorhandener Sicherheiten vergeben viele Institute ab einem bestimmten Alter keine Kredite mehr oder nur zu untragbaren Konditionen. Dank Nullzinsen günstig Geld leihen und investieren? Nicht für Seniorinnen und Senioren.

Notwendige Investitionen, etwa Reparaturarbeiten oder der Einbau eines Treppenlifts, werden so schier unmöglich. Der Selbstständigkeit im Alter legen Banken auf diese Art schwere Steine in den Weg.

Den Beteuerungen der Institute, es handle sich um Einzelfälle, stehen hunderte Meldungen bei den Antidiskriminierungsstellen gegenüber. Auch mich erreichen zahllose Schilderungen von bei Pensionsantritt nicht mehr verlängerten Kreditkarten und gestrichenen Kontorahmen. Einer 82-Jährigen Seniorin wurde ein Überziehungsrahmen in Höhe von 200 Euro nicht gewährt. Die Begründung, Sie könne ja bald starben. Was die Banken Risikoabwägung nennen, bezeichne ich als das, was es wirklich ist: Altersdiskriminierung!

Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine lassen die Aussicht auf ein baldiges Ende der Nullzinsen in weite Ferne rücken. Wo die EZB zu langsam agiert, müssen die Banken einschreiten, die ältere Menschen gern als „hoch geschätzte“ Kundschaft bezeichnen. Kein Wunder, immerhin haben deren Spareinlagen über Jahrzehnte hinweg die Tresore der Banken gut gefüllt. Darum fordere ich die Institute jetzt zum Handeln auf!

Im Klartext bedeutet das: Altersdiskriminierung einen Riegel vorschieben! Wer ausreichende Sicherheiten vorweisen kann, muss auch Kredit, Bankkarte oder Überziehungsrahmen erhalten und zwar unabhängig vom Geburtsdatum. So bekommen ältere Menschen beides: Die Vorteile niedriger Zinsen und Gerechtigkeit. Außerdem muss es im Interesse der Institute liegen, ihre ältere Kundschaft mit ehrlicher und geduldiger Beratung an risikoarme Alternativen zum Sparbuch heranführen. Vorbilder gibt es genug: In den Niederlanden betreiben beispielsweise viele Banken mit eigens ausgebildeten Coaches erfolgreich finanzielle Aufklärungsarbeit bei Seniorinnen und Senioren.

Auf lange Sicht ist auch die Politik gefordert: Neben einem gesetzlichen Diskriminierungsschutz bei Bankgeschäften müssen wir viel mehr Energie in die Finanzbildung junger Menschen stecken. Damit das finanzielle Know-How der Seniorinnen und Senioren von morgen breiter ist als Sparbuch und Bausparvertrag. Das macht die Menschen unabhängiger, flexibler und ihr Erspartes krisensicherer.

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