Pflegereform - Das fordert der Seniorenbund

Ingrid Korosec

Präsidentin des Österr. Seniorenbundes
Abgeordnete zum Wr. Landtag
Volksanwältin a.D.

Vergangene Woche hat die neue Volkspartei ein umfassendes Pflegekonzept präsentiert. Wichtigster Punkt: Pflege soll endlich als die fünfte Säule in der Sozialversicherung etabliert werden. Das bedeutet, dass Pflege als großes Grundrisiko des Lebens anerkannt und somit Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter und Unfällen gleichgestellt wird. Das schafft die Basis für tiefgreifende und nachhaltige Reformen.

Wir als Österreichischer Seniorenbund bringen uns seit Jahren massiv für einen konstruktiven Dialog und Reformprozess ein. Folgende Punkte erachten wir bei einer Pflegereform als besonders wichtig:

  1. „Mobil vor stationär“. Die meisten Menschen wünschen sich, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden gepflegt werden zu können. Das Angebot an mobilen Diensten ist in Österreich aber bei Weitem nicht ausreichend dafür. Auch bei teilstationären Angeboten wie Tageszentren oder alternativen Wohnformen wie betreutem Wohnen oder Wohngemeinschaften herrscht dringend Nachholbedarf. Aufgrund des mangelnden oder zu teuren Angebots gehen viele pflegebedürftige Menschen aus Kostengründen in ein Heim. Diesen Zustand halte ich für inakzeptabel! Mobile Dienste und teilstationäre Angebote müssen daher dringend ausgebaut flächendeckend angeboten werden. Mobil muss Vorrang vor stationär haben!
  2. Einheitliche Angebote und Finanzierung aus einer Hand. Derzeit herrschen bei den Angeboten zu Pflege und Betreuung teils gravierende Unterschiede in Angebot und Kosten zwischen den einzelnen Bundesländern, Personalschlüssel und Qualitätsstandards sind nicht transparent. Eine qualitative und würdevolle Pflege sollte aber nicht vom Wohnsitz abhängen. Hier streben wir langfristig eine Harmonisierung des Angebots an, um allen pflegebedürftigen Menschen überall die gleichen hochwertigen Leistungen bieten zu können. Pflege muss in jedem Bundesland gleich leistbar sein!
  3. Pflegegeldreform und stärkere Berücksichtigung von Demenz. Als das Pflegegeld 1993 ausverhandelt wurde, war Demenz noch kein Thema. Mittlerweile sind jedoch immer mehr Menschen von dieser Krankheit betroffen, die den Pflegebedarf stark erhöht. Erschwerniszuschläge, wie es sie aktuell gibt, sind viel zu niedrig. Pflegegeld muss neu gedacht werden. Einerseits ist es unumgänglich, Demenz stärker beim Pflegebedarf zu berücksichtigen. Andererseits bedarf es einer Überarbeitung der Pflegestufen, um Betroffenen und ihren Angehörigen einen bedarfsgerechten Zugang zu Unterstützungsleistungen zu ermöglichen.
  4. Jugend für die Pflege gewinnen. Es reicht nicht, den Pflegeberuf etwa durch eine nötige Anpassung der Gehälter an den Gesundheitsbereich attraktiver zu machen. Das Bekenntnis zu einer früh zugänglichen Pflegeausbildung für interessierte Jugendliche und die Errichtung einer höheren Pflegelehranstalt sind die Gebote der obersten Stunde. Derzeit können Pflegeausbildungen erst ab dem 17. Lebensjahr absolviert werden. Junge Menschen stellen die Weichen für ihre berufliche Zukunft aber schon nach dem Pflichtschulabschluss. Wenn wir hier nicht handeln, verlieren wir viele interessierte Jugendliche an andere Berufsgruppen. Daher erachten wir als Seniorenbund an eine Lehre angelehnte Ausbildungsmöglichkeiten ab dem 15. Lebensjahr als immens wichtig. Es gibt hierbei bereits einige Best Practice Beispiele wie das Programm „Junge Pflege“ in Oberösterreich. Jugendliche erhalten eine umfassende Ausbildung im gesundheits- und Pflegebereich, die Kosten übernimmt das Land zur Gänze. Die ersten Ausbildungsjahre sollen sich der Theorie widmen, keinesfalls sollen junge Menschen sofort ans Bett gestellt werden. Das entspricht auch Empfehlungen der Europäischen Union, wonach die Arbeit mit Menschen im Gesundheitsbereich erst ab dem 17. Lebensjahr erfolgen sollte.
  5. Entlastung pflegender Angehöriger. Mehr als 80 Prozent der betreuungsbedürftigen Menschen in Österreich werden von ihren Angehörigen gepflegt. Sie opfern sich für ihre Lieben auf, stellen den Beruf in vielen Fällen hinten an. Das bedeutet neben der enormen Belastung für viele pflegende Angehörige auch das Risiko der Altersarmut. Dazu kommt, dass der Großteil der pflegenden Angehörigen derzeit bereits über 60 Jahre alt ist. Auch sie werden in naher Zukunft Pflege brauchen. Die öffentliche Hand darf sich daher nicht auf sie als Pflegekräfte verlassen und muss sie unbedingt entlasten. Erreicht wird das unter anderem durch den Ausbau teilstationärer und mobiler Dienste sowie die Schaffung von Kurzzeit-Pflegeplätzen. Mehr noch: Jeder Schritt einer Pflegereform muss im Endeffekt auch die pflegenden Angehörigen entlasten. Auf diese Art und Weise wird es ihnen ermöglicht, mehr „quality time“ mit ihren pflegebedürftigen Lieben zu verbringen.

Das Argument, dass mit einer Pflegereform hohe Kosten auf das Budget zukommen, lasse ich in diesem Zusammenhang nicht gelten. Denn, wenn man sich unsere Vorschläge genau ansieht, so erkennt man sehr schnell, dass Pflege und Betreuung nicht nur Kosten verursacht, sondern der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt wichtige Impulse gibt.

Reformen sind unausweichlich. Diese müssen wir gemeinsam anpacken, die großen Herausforderungen wie Personalmangel und die Entlastung pflegender Angehöriger lassen sich nur Hand in Hand bewältigen.

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