Tabuthema Einsamkeit wird zur zentralen Herausforderung

Ingrid Korosec

Präsidentin des Österr. Seniorenbundes
Abgeordnete zum Wr. Landtag
Volksanwältin a.D.

Die SORA-Umfrage zur zunehmenden Einsamkeit ist ein politischer Handlungsaufruf. Ältere Menschen sind hier besonders betroffen. Treibende Faktoren für die Zunahme von Einsamkeit gerade bei älteren Menschen sind Altersarmut und sinkender sozialer Zusammenhalt innerhalb der Generationen. Die Folgen sind ein Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben, Demokratie- und Politikverdrossenheit sowie ein erhöhtes Gesundheitsrisiko durch Einsamkeit.

Kontaktarmut ist Altersarmut. Die ältere Generation wird zum Opfer sinkender Gesprächsbereitschaft und Zuhörfähigkeit. Menschen brauchen aber Menschen, um ihre Probleme und Gedanken zu besprechen. Dramatisch ist für die Betroffenen vor allem, dass Einsamkeit tabuisiert wird und mit großer Scham behaftet ist. Wer gibt schon gerne zu, einsam zu sein? Umso wichtiger ist es jetzt, Einsamkeit und wirkungsvolle Maßnahmen dagegen auf die politische Agenda zu setzen. Auf der Agenda des Seniorenbundes steht das Thema freilich längst, das reicht aber nicht.

So musste etwa das Österreichische Rote Kreuz die Zahl seiner freiwilligen Helfer innerhalb von drei Jahren um fast ein Drittel erhöhen, da der Bedarf an Besuchsdiensten deutlich gestiegen ist. Sehr ernst wird es vor allem, wenn sich Menschen etwa durch eine Altersdepression zu keinen Aktivitäten mehr aufraffen können.

Laut einer Studie der Europäischen Kommission fühlen sich europaweit bereits 30 Millionen Menschen einsam, 75 Millionen haben nur mehr einmal im Monat Kontakt zu anderen Menschen. Wir wissen aus den Untersuchungen, dass die gesellschaftliche Teilhabe der Menschen an deren finanziellen Ressourcen hängt. Ein Grund mehr, warum ich so für die finanzielle Absicherung durch eine ausreichende Pension kämpfe. Wer sich keinen Besuch im Kaffeehaus oder Ausflug leisten kann, bleibt zu Hause und vereinsamt..

ich fordere daher neben der sozialen Sicherheit noch weitere Maßnahmen:

  • Den Ausbau alternativer Wohnformen wie betreutes und generationenübergreifendes Wohnen.
  • Innovative Mobilitätskonzepte, um gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.
  • Der Faktor Vereinsamung muss künftig bei der Pflegegeldeinstufung berücksichtigt werden. Derzeit gilt das Motto: warm, satt und sauber – finanzierte Zeit für Sozialkontakte ist nicht einkalkuliert.
  • Psychosoziale Gruppenrehabilitation für ältere, von Einsamkeit bedrohte Menschen muss als medizinische Leistung etabliert werden, um Einsamkeit vorzubeugen und Eigeninitiative zu fördern.
  • Der Ausbau und die Förderung der Besuchsdienste durch die öffentliche Hand.
  • Das Schaffen von niedrigschwelligen sozialen Angeboten wie etwa Begegnungsorten in ländlichen Gemeinden, zum Beispiel durch einen „gemeinsamen Mittagstisch“ als Alternative zu Essen auf Rädern.
  • Die Initiative Silbernetz Berlin zeigt es vor: In einer Hotline wird über Angebote für ältere Menschen (Besuchsdienste, Mobilitätsdienste, Beratungseinrichtungen etc.) informiert und echte Gespräche angeboten. Der Erfolg: 30.000 Anrufe und 7.000 richtige Gespräche im ersten Jahr.

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