Vorbildfunktion wäre wieder gefragt

Ingrid Korosec

Präsidentin des Österr. Seniorenbundes
Abgeordnete zum Wr. Landtag
Volksanwältin a.D.

Vorbildfunktion wäre wieder gefragt

Wir schlagen die Hände über den Kopf zusammen, wenn wir wieder einmal davon lesen oder hören, dass in einer amerikanischen Schule ein Jugendlicher ausgerastet ist, wie wild mit einem Gewehr um sich geschossen, Angst ausgelöst und Terror verursacht hat.

Wenn ich mit Pädagogen spreche, dann höre ich leider immer öfter, dass auch bei uns die Schule ein Ort geworden ist, wo oftmals Frust herrscht und Aggressivität ausgelebt wird. Das reicht vom sogenannten Mobbing über verbale Gewalt gegenüber Mitschülern und Lehrern bis hin zur Unterrichtsverweigerung.

Experten schätzen mittlerweile, dass rund zehn Prozent der Schüler eine schwache Frustrationstoleranz, eine geringe Reizschwelle haben, schnell ausfällig werden, ja selbst vor Tätlichkeiten nicht zurückschrecken, Aufforderungen wiederholt ignorieren, kein Verständnis für Regeln haben.

Man spricht von Verhaltensauffälligkeit. Es ist sicher zu einfach, wenn man nur die Eltern dafür verantwortlich macht, weil sie mit der Erziehungsarbeit nicht zurechtkommen und diese der Schule überantworten wollen. Wobei nicht geleugnet werden soll, dass in so manchen Fällen Mütter und Väter überfordert sind.

Sei es, dass deren Berufstätigkeit sie voll in Anspruch nimmt und ihnen zu wenig freie Zeit lässt, sich mit den Kindern auseinanderzusetzen. Sei es, dass auch sie sich in einer immer komplexer werdenden Welt nicht so leicht zurechtfinden. Und sie Probleme haben, mit den Kindern zu kommunizieren, ihnen den Alltag zu erklären, einfache und verständliche Antworten auf so viele Fragen zu geben. SMS und WhatsApp können das persönliche Gespräch nicht ersetzen – und das beginnt bereits im zarten Kindesalter.

In einer TV-Talkshow hat vor kurzem ein Jugendlicher etwas sehr Kluges gesagt: „Die Eltern sollten ihre Vorbildfunktion wahrnehmen“.

„Sozialdemokratisierung“ als Problemverursacher

Die Offenheit und Liberalität unserer westlich orientierten Gesellschaft ist ein Wesensmerkmal auch in der Erziehung geworden. Gleichzeitig wurden aber – nicht zuletzt eine Folge der sogenannten „Sozialdemokratisierung“ vieler Lebensbereiche - beginnend mit der sogenannten 1968er Revolution viele Verhaltensnormen in Frage gestellt. Wie etwa der Begriff der Autorität, der Ordnung und des Respekts.

Ein Grund für die Beschwerden, die gerade aus dem Schulleben herangetragen werden, lautet, dass immer mehr Kindern das Wort Nein nicht mehr bekannt ist, ihnen aber auch Toleranz und Respekt vor anderen nicht ausreichend beigebracht wird.

Man blicke sich nur in Tram oder U-Bahn um. Wo steht heute noch von sich aus ein Jugendlicher spontan auf, wenn ein älterer Mensch einsteigt und kein Platz mehr frei ist?

Keine Frage, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine große Herausforderung. Hier ist die Politik gefordert, durch flexible Arbeitsmodelle und die bewusste finanzielle Besserstellung von Familien, ihren Beitrag zu leisten. Aber auch den Eltern muss geholfen und ihnen wieder bewusst gemacht werden, ihre „Kernerziehungskompetenz“ wahrzunehmen.

Im Regelfall sollen und müssen Kinder bei ihren Eltern aufwachsen und die Erziehung nicht von den Großeltern übernommen werden. Trotzdem sind aber auch gerade sie wichtige Bezugspersonen für die heranwachsenden Jugendlichen. Die Großfamilie alter Prägung, das Zusammenleben mehrerer Generationen hatte schon seinen Sinn. Weil damit auch der Bogen vom Gestern zum Morgen gespannt, der Umgang miteinander vermittelt wird und es zum Austausch von Erfahrungen und Werten, wie in einem kommunizierenden Gefäß kommt.

Wecken verloren gegangener Eigenschaften

Beim Einbinden der Großeltern geht es nicht so sehr um die Nachhilfe etwa in Fächern wie Mathematik oder Physik, denn da tun auch sie sich selbst mitunter schwer. Es geht vielmehr vor allem darum, dass sie sich die Zeit nehmen, bestimmten Neigungen nachzuspüren, das Interesse für kreative, musische Tätigkeiten zu wecken. Gerade auf diesem Sektor hat man in den letzten Jahren so manches aus den Augen verloren, werden bestimmte Traditionen, die aber zu unserer Kultur gehören, nicht mehr wirklich gepflegt.

In diesem Zusammenhang bin ich auf einen interessanten Hinweis gestoßen, der vielleicht beiträgt und vor allem hilft, Frust abzubauen, Aggressivität zu stoppen.

Forschern ist es noch immer ein Rätsel, weshalb die Abstrakteste der Künste, die Musik, die Seele der Menschen in Schwingung bringen kann. Ein Instrument zu spielen, trainiert motorische Fähigkeiten, schult Aufmerksamkeit und fordert Disziplin. Alles wichtige Tugenden, die oftmals fehlen. Studien zeigen, dass Kinder mit musikbetonten Neigungen, denen auch in der Freizeit nachgegangen wird, bessere sprachliche und mathematische Fähigkeiten entwickeln. Und ganz wichtig, Musik und Musizieren baut Stress ab, stimmt Menschen friedlich und fröhlich. Eigenschaften, die wieder gefragt wären.

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